Viele Patient:innen entwickeln im Verlauf der Krebstherapie Probleme, ausreichend zu essen oder Nährstoffe vollständig zu verwerten. Die Folgen dieser Mangelernährung sind Gewichtsverlust, nachlassende Muskelkraft und ein geschwächtes Immunsystem – und das kann sich negativ auf den Therapieerfolg auswirken. Den Ernährungszustand konsequent zu beobachten, ist daher immens wichtig, um Risiken früh zu erkennen und wirksame Maßnahmen zu ergreifen.

Was können Ursachen der Mangelernährung sein?  

Die Ursachen einer Mangelernährung bei onkologischen Patient:innen sind vielfältig und entstehen sowohl durch das Tumorgeschehen selbst als auch durch Begleiterscheinungen der antitumoralen Therapie. Typische auslösende Faktoren sind:

  • Appetitlosigkeit – kann bereits krankheitsbedingt auftreten und wird durch Therapien häufig verstärkt.
  • Übelkeit – tritt häufig im Rahmen der Erkrankung oder Therapie auf.
  • Vorzeitiges Sättigungsgefühl – führt zu kleineren Portionen und reduzierter Energie- und Nährstoffzufuhr.
  • Veränderter Geschmacks- und Geruchssinn – kann Appetit und Nahrungsaufnahme deutlich beeinträchtigen.
  • Probleme beim Kauen und Schlucken – beispielsweise bei Tumoren im Kopf-Hals-Bereich oder durch Mukositis (Schleimhautentzündungen).

  • Mundtrockenheit – erschwert das Schlucken und reduziert oft die Essmenge.
  • Gastrointestinale Beschwerden, etwa Durchfall (Begleiterscheinung während der Chemotherapie) – können den Ernährungszustand weiter verschlechtern.

  • Veränderter Stoffwechsel – aufgrund inflammatorischer Prozesse im Rahmen der Krebserkrankung.

Eine unzureichende Energiezufuhr liegt vor, wenn über einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen weniger als 60 % des Bedarfs gedeckt werden.

Das sagt die Faktenlage:
Studiendaten u. a. von Kubrak et al. verdeutlichen, welche Energiedefizite bei onkologischen Patient:innen auftreten können. Bei Kopf-Hals-Tumoren zeigen sich unter Strahlentherapie durchschnittliche Energielücken von –483 kcal/Tag, unter Radiochemotherapie sogar –1214 kcal/Tag. Und im fortgeschrittenen Krankheitsstadium entstehen durch Veränderungen der Geruchs- und Geschmackswahrnehmung tägliche Defizite von –900 bis –1100 kcal/Tag (Hutton et al. 2007).

Solche Studienergebnisse erhöhen die Relevanz des Themas krankheitsbedingte Mangelernährung und machen deutlich, wie wichtig eine strukturierte Erfassung des Ernährungszustands ist.

Welche Folgen hat Mangelernährung?

Bis zu 80 % der onkologischen Patient:innen sind von ungewolltem Gewichtsverlust betroffen – mit nachweislich negativen Auswirkungen auf Therapieerfolg, Infektionsrisiko und Lebensqualität. Die anschließenden Punkte geben einen Überblick über die relevanten Folgen.

  • Beeinträchtigung des Erfolgs der anti-tumoralen Therapie.
    Ein schlechter Ernährungszustand kann zu häufigeren Therapienebenwirkungen führen und das Risiko erhöhen, dass Behandlungen verzögert, in geringerer Intensität durchgeführt oder unterbrochen werden müssen.
  • Verlängerung des Krankenhausaufenthalts.
    Patient:innen mit Mangelernährung benötigen häufig längere stationäre Aufenthalte. Ebenso sind erneute, wiederholte Einweisungen keine Seltenheit.
  • Abnormaler Gewichtsverlust.
    Ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust führt zu einem allgemeinen Schwächegefühl und mindert Leistungsfähigkeit, Belastbarkeit und Therapietoleranz. Im Rahmen einer Tumorkachexie wird der Gewichtsverlust aufgrund systemischer Entzündungsreaktionen durch proinflammatorische Zytokine verstärkt.
  • Rapider Muskelabbau.
    Durch Energie- und Eiweißmangel kann es rasch zu einem Verlust von Muskelmasse kommen. Das äußert sich in Kraftlosigkeit, geringerer Mobilität und eingeschränkter Leistungsfähigkeit, alltägliche Aktivitäten zu bewältigen.
  • Höheres (postoperatives) Infektionsrisiko.
    Ein geschwächter Ernährungsstatus beeinträchtigt das Immunsystem. Die Folge ist ein erhöhtes Risiko für Infektionen, die wiederum weitere Komplikationen nach sich ziehen können.
  • Schlechtere Lebensqualität.
    Mangelernährung wirkt sich auf Kraft, Aktivität, Stimmung, Mobilität und Selbstständigkeit aus – und führt so insgesamt zu einer deutlich eingeschränkten Lebensqualität.
  • Geringere Überlebensrate.
    Eine Mangelernährung kann mit einer verkürzten Überlebenszeit einhergehen. Studien zeigen, dass Patient:innen mit unbeabsichtigtem Gewichtsverlust oder reduzierter Muskelmasse eine erhöhte Mortalität aufweisen.

Kurz zusammengefasst:
Mangelernährte Tumorpatient:innen zeigen „häufiger Therapienebenwirkungen, ein reduziertes Ansprechen auf anti-tumorale Behandlungen, eine eingeschränkte Lebensqualität, eine reduzierte Leistungsfähigkeit sowie eine verkürzte Überlebenszeit.“ 
(Arends et al. 2015)

Maßnahmen bei Mangelernährung.

Krankheitsbedingte Mangelernährung erkennen (z. B. mit Hilfe von MUST) und konsequentes Gegensteuern sind zentrale Bestandteile einer effektiven Ernährungstherapie. Dabei stehen folgende Maßnahmen im Vordergrund:

  • Frühzeitiges Screening und rasches Einleiten der Ernährungstherapie:
    Symptome erkennen, Ursachen identifizieren und frühzeitig die passenden ernährungstherapeutischen Schritte einleiten.
  • Ernährungszustand regelmäßig prüfen und engmaschig beobachten:
    Screening mit validierten Tools durchführen, z. B. mithilfe von NRS oder MUST. Bei Vorliegen oder dem Risiko für eine Mangelernährung Schweregrad anhand von GLIM-Kriterien bestimmen.
  • Nährstoffreserven des Körpers auffüllen:
    Ausgleich potenzieller Defizite durch gezielte Anpassung der Ernährung.
  • Optimierung der normalen oralen Ernährung:
    Verbesserung der täglichen Energie- und Nährstoffzufuhr.
  • Ergänzung mit medizinischer Trinknahrung:
    Wenn die orale Energie- oder Nährstoffzufuhr nicht ausreicht.
  • Supplementierende enterale Ernährung:
    Wenn eine ausreichende orale Zufuhr nicht möglich ist. Unter Berücksichtigung der medizinischen Voraussetzungen wie intakter Magen-Darm-Passage.
  • Bedarfsgerechte Auswahl ernährungstherapeutischer Maßnahmen:
    Orientiert an den individuellen Anforderungen der Patient:innen – wie Erkrankung oder Therapieform.

Wichtig zu wissen:
Laut DGEM-Leitlinie liegt eine krankheitsbedingte Mangelernährung vor, wenn zentrale Diagnosekriterien erfüllt sind:

  • ein BMI unter 18,5 kg/m² oder
  • ein ungewollter Gewichtsverlust von mindestens 10 % in den letzten 3 bis 6 Monaten oder
  • ein BMI unter 20 kg/m² kombiniert mit einem Gewichtsverlust von mehr als 5 % im gleichen Zeitraum.

Für Erwachsene ab 65 Jahre werden andere Kriterien für den BMI und Gewichtsverlust herangezogen:

  • ein BMI unter 20 kg/m² oder
  • ein ungewollter Gewichtsverlust von mindestens 5 % in den letzten 3 Monaten.

Des Weiteren helfen die GLIM-Kriterien, die Schwere der Mangelernährung festzulegen.

Diese Leitlinienkriterien unterstützen Sie dabei, Risiken frühzeitig zu erkennen und Patient:innen gezielt zu versorgen.

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